Vor dem Spiegel

Wenn ich wählen müsste

Wenn ich wählen müsste,

so träte ich wohl vor den Spiegel.

Nicht allein vor jenen, den ich anderen entgegenhalte,

sondern auch vor den, der still an meiner Wand verweilt und seit Jahren Zeuge ist meines Werdens.

Die Jahre gingen nicht spurlos vorbei.

Narben sammelten sich wie Kapitel eines Buches, das niemand schrieb und doch gelesen werden kann.

In meinem Antlitz erkenne ich Güte.

Tiefe.

Doch auch etwas anderes.

Kanten, die einst verborgen lagen.

Ecken, von denen ich nicht wusste, dass sie zu mir gehören.

Der Wandel ist ein geduldiger Bildhauer.

Er fragt nicht.

Er arbeitet.

Und selten bittet er um Erlaubnis.

So betrachte ich die Wege, die ich beschritt.

Die Wege, die ich mied.

Und jene seltsamen Pfade, die zwischen beiden verlaufen und sich weder Reue noch Gewissheit nennen lassen.

Dort begegne ich ihm wieder.

Dem Harlekin.

Nicht auf einer Bühne.

Nicht im Licht.

Sondern zwischen den Entscheidungen.

Jenem sonderbaren Wesen, das seine Masken kennt und dennoch nicht weiß, ob es sie trägt oder ob sie längst ihn tragen.

Er tritt auf.

Er kennt sein Stück.

Er kennt seine Worte.

Und oft sogar den Ausgang der Szene.

Doch niemals vollständig.

Denn selbst der klügste Narr vermag nicht zu erkennen, welche Folgen sein nächstes Lächeln, sein nächstes Schweigen, sein nächster Schritt in die Welt tragen wird.

Und so frage ich mich:

Handle ich bewusst?

Oder folgt mein Fuß lediglich einem Weg, den frühere Schritte bereits sichtbar gemacht haben?

Sind meine Richtungen gewählt?

Oder entstehen sie erst während ich gehe?

Vielleicht ist beides wahr.

Denn jede Handlung gebiert ihre Antwort.

Und jede Antwort eine neue Frage.

So war es stets.

Und so wird es bleiben.

Aktion.

Reaktion.

Konsequenz.

Ein altes Gesetz, das keinen Richter benötigt.

Und während ich darüber sinne, tritt ein weiterer Gedanke hervor.

Still.

Aber beharrlich.

Wenn Wandel unvermeidbar ist,

und Folgen unausweichlich sind,

worin besteht dann Verantwortung?

Gewiss nicht darin, den Wandel aufzuhalten.

Kein Mensch vermag das.

Und ebenso wenig darin, den Folgen zu entfliehen.

Auch das gelingt keinem.

Vielleicht besteht sie vielmehr darin,

den eigenen Schritt bewusst zu setzen,

obwohl man weiß, dass er Spuren hinterlassen wird.

Nicht nur im eigenen Leben.

Sondern auch im Leben anderer.

Denn zu lange suchten die Menschen die Wahrheit an zwei Orten.

Die einen im eigenen Ich.

Die anderen im großen Wir.

Als wären sie Gegensätze.

Als müssten sie gegeneinander kämpfen.

Doch beide irren.

Wer allein sich selbst dient, steht am Ende einsam.

Wer allein dem Kollektiv dient, vergisst sein Gesicht.

Der Würde aber ist beides fremd.

Denn Würde fragt nicht, wem ein Leben gehört.

Sie fragt nur, ob wir ihm gerecht werden.

Dem eigenen.

Und dem fremden.

Dem menschlichen.

Und vielleicht auch jedem anderen.

So stehe ich vor dem Spiegel.

Älter als früher.

Weniger gewiss.

Doch auf merkwürdige Weise ruhiger.

Denn manche Fragen müssen nicht beantwortet werden.

Es genügt, sie nicht mehr zu vergessen.

Und so verlasse ich den Spiegel, wie ich gekommen bin.

Mit Narben.

Mit Zweifeln.

Mit Hoffnung.

Und mit der leisen Ahnung,

dass Verantwortung nicht dort beginnt, wo wir die Welt verändern.

Sondern dort,

wo wir erkennen,

dass wir es ohnehin tun.